Da kann einem schwindelig werden. 13000 Menschen in Moria, einem Lager, das für weniger als 3000 Menschen ausgelegt ist. Jetzt ist es abgebrannt.

[Wir laden ein zur Demo: Heute, 9.9.2020, um 18 Uhr vor dem Kanzleramt #WirHabenPlatz]

Verschiedene Initiativen haben vorgestern (7.9.2020) 13.000 Stühle vor den Bundestag gestellt und die sofortige Evakuierung der Lager und Aufnahme der Geflüchteten gefordert. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, einen kleinen symbolischen Beitrag zu leisten und mit einem eigenen Stuhl, einem „Sedia Due“ unseres Projekts CUCULA, dabei zu sein.

Die menschenunwürdigen Verhältnisse in Lagern auf verschiedenen griechischen Inseln sind lang bekannt. Doch während dort Menschen unter sehr schlechten hygienischen und medizinischen Bedingungen zusammengepfercht ausharren müssen, während dort das Coronavirus anfängt zu grassieren, wird auf Ebene der Bundespolitik (und durch einen blockierenden Innenminister) auf fehlende europäische Lösungen verwiesen und es wird Ländern und Kommunen verweigert, Menschen aufzunehmen. Dabei sind viele längst bereit „sichere Häfen“ zu sein und ihren Beitrag zur längst überfälligen Evakuierung der Lager zu leisten.

Verbaut in unserem Stuhl: die Planke eines Geflüchtetenboots von der Insel Lampedusa. Noch so eine Insel, die unfreiwillig zum Grenzposten der „Festung Europa“ gemacht wurde, welche an ihren Außengrenzen seit Jahren dystopische Bilder produziert.

„Dystopie“, das ist der Gegenbegriff zur „Utopie“, dem positiven Entwurf anderer Gesellschafts- und Lebensformen. Das bringt uns auf eine weitere, berühmte Insel. Thomas Morus veröffentlichte 1516 seinen Bericht des optimalen Staats auf der Insel „Utopia“ – ein Wortspiel zwischen den altgriechischen Worten ou („nicht“) und eu („gut“), die sich im Englischen gleich aussprechen. U-topia ist also zugleich der Entwurf eines guten Ortes (tópos = „Ort, Stelle“), einer idealen Gesellschaft und ein „Nichtort“ – vielleicht eine Unmöglichkeit, ein bloßes Hirngespinst, eine Posse. Utopien sind in Verruf geraten und das hat Gründe. Wie viele Menschen sind auf dem Altar angeblich idealer Gesellschaftsordnungen von deren dogmatischen und grausamen und banalen Vertretern geopfert worden. Was lernen wir daraus? Die Antwort liegt wohl nicht in der einen Utopie, dem einen Entwurf einer idealen, geordneten Welt, in einer letztlich totalitären Idee. Aber kann das ein Grund sein, nicht nach einer besseren Welt zu streben?

Anstatt auf Mittelmeerinseln Dystopien zu züchten, schaffen wir doch lieber Beispiele und Vorbilder, reale kleine Eutopien für Europa. Anstatt auf Misstrauen, Abschreckung und Menschenfeindlichkeit zu setzen, unterstützen wir lieber Leute dabei, für sich selbst und andere da sein zu können und setzen auf Vertrauen und Freundschaft. Anstatt Seenotrettung zu blockieren, Menschen ertrinken zu lassen und damit das Mittelmeer selbst dystopisch aufzuladen, schaffen wir lieber sichere Häfen. Anstatt Menschen, die lebenswidrigen Bedingungen entfliehen, gefangen zu nehmen, sie einzupferchen und auf lange Zeit unter wiederum lebenswidrigen Bedingungen zur Untätigkeit zu verdammen, schaffen wir lieber Präzedenzfälle gelingenden Zusammenlebens und versetzen diese Menschen mit aller Kraft in die Lage, selbst ihren ureigenen Beitrag dazu zu leisten.

Stiften wir Sinn, statt Brandherde zu provozieren. Dass das geht, wissen wir aus Erfahrung.

Heute (09. September 2020) demonstrieren wir mit der Seebrücke und vielen anderen Initiativen als Teil einer engagierten Zivilgesellschaft vor Kanzleramt und Innenministerium. Es geht um 18 Uhr am Kanzleramt los und wir laden ein, dabei zu sein. Evakuierung jetzt! #wirhabenplatz #leavenoonebehind

Fotos: Luis Krummenacher / S27 – Kunst und Bildung